ESG-Spotlight

Sind Emerging Markets die Nachhaltigkeitszukunft?

Das Wichtigste in Kürze:

  • Emerging Markets entwickeln sich beim Thema Nachhaltigkeit sehr positiv.
  • Dabei gibt es jedoch weiterhin Finanzierungsbedarf aufgrund der noch hohen absoluten CO2-Ausstöße und teilweise aufgrund von fehlenden Finanzierungspartnern.
  • Der laufende Iran-Konflikt unterstreicht die Notwendigkeit zu Unabhängigkeit von fossilen Energien.

Emerging Markets holen beim Thema Umweltnachhaltigkeit mit einer rasanten Entwicklung auf

Umweltthemen werden häufig nicht mit Ländern wie China oder Indien in Verbindung gebracht, teilweise zu Recht. Die International Energy Agency (IEA) zeigt für die Jahre 2023–2024, dass der globale Anstieg der absoluten CO₂-Emissionen maßgeblich von diesen beiden Ländern geprägt wurde. Dieses Bild sollte jedoch im Kontext des starken Wirtschaftswachstums betrachtet werden: In schnell wachsenden Volkswirtschaften können absolute Emissionen steigen, selbst wenn die Emissionen relativ zur Wirtschaftsleistung sinken.

Betrachtet man die CO₂-Emissionen im Verhältnis zum Umsatz (CO₂-Intensität) auf Unternehmensebene, ergibt sich ein differenzierteres Bild. In unseren MSCI-Daten ist der abnehmende Trend der CO₂-Intensität in den Emerging Markets insgesamt vergleichbar mit dem in der EU und den USA:

 

Quelle der Illustration: Warburg Invest; Quelle der Daten: MSCI

Diese Entwicklung hängt wesentlich mit der rapiden Verbilligung erneuerbarer Energien und dem daraus resultierenden beschleunigten Ausbau zusammen. In China wird die Dynamik zusätzlich durch die starke heimische Produktionsbasis in Clean-Tech (insbesondere im Bereich Photovoltaik) unterstützt, was Investitionen und Skalierung erleichtert. Auch in anderen Emerging Markets sind ähnliche positive Entwicklungen zu beobachten: In Indien ist das langfristige Interesse an der Energiewende nicht nur industrie- und energiepolitisch begründet, sondern auch durch den hohen Handlungsdruck infolge der massiven Luftverschmutzung in vielen Städten.

Gleichzeitig muss man klar sagen: Dem Klima ist es letztlich egal, ob die Emissionen pro Umsatz sinken, wenn die Wirtschaft insgesamt stark wächst. Entscheidend sind am Ende die absoluten Emissionen. Insofern ist die ursprüngliche Intuition, dass Emerging Markets derzeit einen wesentlichen Teil der globalen Umweltbelastung prägen, nicht grundsätzlich falsch.

Gerade deshalb brauchen diese Märkte zusätzliches Kapital, um die beschriebenen positiven Trends schneller und breiter zu skalieren. Die IEA weist darauf hin, dass in Emerging Markets außerhalb Chinas bislang nur ein relativ kleiner Anteil der globalen Investitionen in erneuerbare Energien ankommt (in Größenordnungen von rund 18%), obwohl diese Länder einen sehr großen Teil der Weltbevölkerung stellen und einen erheblichen Teil der zukünftigen Nachfrage treiben werden. Ergänzend betont das World Economic Forum den massiven Kapitalbedarf für die notwendige Transformation. Insgesamt ergibt sich damit das Bild einer Finanzierungslücke und gleichzeitig eines großen, bislang nicht ausgeschöpften Nachhaltigkeitspotenzials.

Warum das Thema gerade zusätzliche Relevanz gewinnt

Die Debatte um Nachhaltigkeit in Emerging Markets wird häufig vor allem als Klimathema geführt. Die jüngsten geopolitischen Spannungen zeigen jedoch, dass es auch um Energiesicherheit geht. Gerade für viele Emerging Markets – insbesondere in Asien – ist die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten ein strukturelles Risiko. MSCI weist darauf hin, dass Länder wie China, Indien, Südkorea und Taiwan in hohem Maße von Öl abhängen, das über die Straße von Hormus transportiert wird. Damit wird deutlich: Störungen entlang zentraler Lieferwege wirken nicht nur auf Energiepreise, sondern auch auf Produktion, Lieferketten und gesamtwirtschaftliche Stabilität.

Quelle: MSCI [1]

Vor diesem Hintergrund gewinnen Investitionen in erneuerbare Energien, Netze, Speicher und andere begleitende Infrastruktur zusätzlich an Bedeutung. Sie sind nicht nur ein Instrument zur Reduktion von Emissionen, sondern auch ein Hebel, um die Energieversorgung breiter, robuster und weniger abhängig von externen fossilen Lieferanten aufzustellen. Die IEA betont entsprechend, dass Energieimportabhängigkeit ein zentraler Treiber nationaler Energiepolitik ist und dass eine hohe Importabhängigkeit den Ausbau erneuerbarer Energien, Effizienzmaßnahmen und die Diversifizierung der Energieversorgung zusätzlich beschleunigen kann.

[1] https://www.msci.com/research-and-insights/blog-post/uncovering-supply-chain-risks-in-the-iran-war

Für Nachhaltigkeitsinvestoren ergibt sich daraus ein erweiterter Blick auf Emerging Markets: Es geht nicht nur um Dekarbonisierung im engeren Sinne, sondern auch um den Aufbau resilienterer Energiesysteme in Volkswirtschaften mit wachsendem Energiebedarf. Der Investment case in Emerging Markets kann damit gerade im aktuellen Umfeld zusätzlich an strategischer Relevanz gewinnen, vorausgesetzt, die Umsetzung erfolgt selektiv und mit Blick auf die jeweiligen Länder-, Sektor- und Regulierungsrisiken.

Ihr Takeaway:

Emerging Markets bieten für Nachhaltigkeitsinvestoren nicht nur Dekarbonisierungspotenzial, sondern auch einen zusätzlichen Hebel zur Stärkung von Energiesicherheit und wirtschaftlicher Resilienz. Damit kann das Segment gerade im aktuellen Umfeld an strategischer Bedeutung gewinnen, sofern Investitionen gezielt und risikobewusst umgesetzt werden.

Unser Tipp:

Es gibt bereits Fonds, die ESG und Emerging Markets gut miteinander verbinden. Trotzdem sollte man genau hinschauen, da die Unterschiede in der Qualität und Tiefe der Nachhaltigkeitsumsetzung erheblich sein können. Besonders wertvoll sind aus unserer Sicht Ansätze, bei denen Nachhaltigkeit nicht nur im Label, sondern in der tatsächlichen Portfoliokonstruktion erkennbar wird und extern verifiziert wird. Für institutionelle Investoren wie Versicherungen und/oder Pensionskassen kann darüber hinaus relevant sein, ob eine solche Strategie auch in einem VAG-konformen Rahmen investierbar ist.

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