Aktive ETFs: Mehr Auswahl braucht mehr Urteilskraft
Kernpunkte:
- Die wachsende Vielfalt passiver, aktiver und Enhanced-ETFs erweitert den Werkzeugkasten der Anleger, erhöht zugleich aber die Komplexität der Produktauswahl.
- Gerade für Privatanleger wird es anspruchsvoller, die zugrunde liegende Strategie, die eingegangenen Risiken und die Funktion eines ETFs im Gesamtportfolio richtig einzuordnen.
- Für institutionelle Investoren ist ab einer bestimmten Investitionsgröße ein individuell ausgestalteter Spezialfonds oder ein Spezialmandat häufig die überlegene Alternative, da Anlagevorgaben, Risikobudgets und Nachhaltigkeitsanforderungen individuell berücksichtigt werden können.
Der ETF-Markt ist erwachsen geworden. Was ursprünglich vor allem für eine einfache und kostengünstige Indexabbildung stand, hat sich zu einem breiten Spektrum unterschiedlicher Investmentansätze entwickelt. Klassisches Beta, thematische Konzepte, Faktorstrategien, Enhanced-Beta-Varianten und vollständig aktive Investmentprozesse werden heute in derselben ETF-Hülle angeboten.
Das erweitert den Werkzeugkasten der Investoren und ermöglicht es, ETFs gezielter für einzelne Portfoliobausteine einzusetzen. Der Preis dafür ist jedoch mehr Komplexität. Die einfache Unterscheidung zwischen „aktiv“ und „passiv“ greift zu kurz. Entscheidend ist, welche Strategie sich im Produkt befindet, welche Risiken eingegangen werden und welche Funktion der ETF im Gesamtportfolio erfüllen soll.
Neue Werkzeuge oder bekannte Strategien in neuer Hülle?
Ein Teil der wachsenden Produktvielfalt bietet tatsächlich neue Möglichkeiten. Dazu gehören systematische Faktor- oder Enhanced-Ansätze mit klar definierten Prozessen und begrenzten Freiheitsgraden gegenüber einer Benchmark. Das Portfoliomanagement des Anbieters kann einzelne Titel anders gewichten, Risiken reduzieren oder bestimmte Renditequellen gezielter berücksichtigen.
Ziel ist dabei meist nicht der radikale Bruch mit dem Markt, sondern eine intelligentere Umsetzung des gewünschten Marktexposures. Die Nähe zur Benchmark bleibt erhalten, gleichzeitig besteht die Möglichkeit, nach Kosten einen Mehrertrag zu erzielen oder das Rendite-Risiko-Profil zu verbessern.
Ein anderer Teil des Angebots ist dagegen eher alter Wein in neuen Schläuchen. Viele Strategien, die heute als aktive ETFs angeboten werden, existieren seit Jahren als Publikumsfonds oder institutionelle Mandate. Neu ist dann weniger der Investmentprozess als das Vertriebs- und Umsetzungsformat.
Investoren sollten deshalb prüfen, wo die ETF-Struktur tatsächlich einen Vorteil bietet – etwa durch Handelbarkeit, Transparenz oder einen einfachen operativen Zugang – und wo sie lediglich eine neue Verpackung für einen bekannten Ansatz darstellt. Nicht jede Produktinnovation löst automatisch ein bestehendes Anlageproblem.
Der Einsatz bestimmt die Anforderungen
Wie ein aktiver oder Enhanced-ETF beurteilt werden sollte, hängt wesentlich von seinem Einsatzzweck ab.
In Dachfonds oder Multi-Asset-Mandaten spiegelt seine Auswahl unmittelbar eine aktive Allokationsentscheidung wider. Wer sich gegen einen klassischen Index-ETF und für einen aktiven Ansatz entscheidet, trifft zugleich eine Einschätzung über die Qualität des Investmentprozesses des jeweiligen Anbieters.
Das zusätzliche Selektionsrisiko muss durch einen erwarteten Mehrwert gerechtfertigt sein. Dieser kann in einer höheren Rendite liegen, aber ebenso in einer geringeren Schwankung, einer besseren Diversifikation oder der Reduzierung von Konzentrationsrisiken.
Anders kann die Situation bei Ländern, Regionen oder Investmentstilen aussehen, die sich über Einzeltitel nur schwer oder mit unverhältnismäßig hohem Aufwand abbilden lassen. Hier stellen ETFs häufig den praktikabelsten Zugang dar. Auch dann sollte jedoch geprüft werden, ob die entstehenden Selektionseffekte bewusst gewollt sind oder lediglich in Kauf genommen werden, weil keine bessere Alternative verfügbar ist.
Niedrige Kosten, bekannte Produktnamen oder eine gute vergangene Wertentwicklung reichen als Auswahlkriterien nicht aus. Auch ein passiver ETF kann erhebliche Konzentrationsrisiken enthalten. Falsch eingesetzt können ETFs die Risiken eines Portfolios erhöhen, statt sie zu reduzieren.
Für Institutionelle zählt der Vergleich mit dem Mandat
Institutionelle Investoren sollten einen aktiven ETF nicht ausschließlich mit einem passiven Indexprodukt vergleichen. Ab einer bestimmten Investitionsgröße stellt auch ein individuell ausgestaltetes Spezialmandat häufig die überlegene Alternative dar.
Ein ETF kann durch schnelle Handelbarkeit, standardisierte Strukturen und eine einfache operative Umsetzung überzeugen. Ein Mandat bietet dagegen die Möglichkeit, Anlagerestriktionen, Nachhaltigkeitsvorgaben, Risikobudgets und Benchmarkabweichungen gezielt auf die Anforderungen des Investors zuzuschneiden.
Mit zunehmender Losgröße verschiebt sich daher die Abwägung. Der relevante Vergleich lautet dann nicht mehr nur „aktiver ETF oder passive Indexabbildung“, sondern auch „standardisiertes Produkt oder maßgeschneiderte Lösung“. Der ETF muss seinen Mehrwert somit nicht allein gegenüber der Benchmark, sondern auch gegenüber einer individuelleren Umsetzungsform belegen.
Was die Produktprüfung leisten muss
Die Prüfung eines aktiven oder Enhanced-ETFs darf sich nicht auf laufende Kosten und vergangene Performance beschränken. Im Mittelpunkt sollte ein nachvollziehbarer und über unterschiedliche Marktphasen konsistenter Investmentprozess stehen.
Ebenso wichtig ist ein Tracking Error, der zur vorgesehenen Portfoliofunktion passt. Ein benchmarknaher Baustein sollte keine Risiken eingehen, die eher zu einer stark aktiven Satellitenstrategie gehören. Umgekehrt darf bei einem ETF mit größeren Freiheitsgraden nicht erwartet werden, dass er sich in jeder Marktphase wie die Benchmark entwickelt.
Eine zeitweise schwächere Wertentwicklung als die reine Marktabbildung ist kein Betriebsfehler, sondern ein bewusst akzeptierter Bestandteil aktiver Steuerung. Wer aktive Abweichungen zulässt, muss auch bereit sein, zwischenzeitliche Underperformance auszuhalten.
Kurze Track Records und Backtests liefern erste Hinweise, ersetzen aber keine Bewährung über verschiedene Marktzyklen. Bei jüngeren Produkten kommt außerdem die Handelbarkeit hinzu. Ein geringes Fondsvolumen kann dazu führen, dass größere institutionelle Orders aufgrund breiterer Spreads mit höheren Handelskosten verbunden sind oder einen relevanten Anteil des Fondsvolumens ausmachen. Mit wachsendem Marktvolumen dürfte sich dieses Problem relativieren, derzeit schränkt es die einsetzbare Auswahl jedoch noch ein.
Fazit: Mehr Auswahl bedeutet mehr Prüfarbeit
Die wachsende Vielfalt des ETF-Marktes schafft neue Werkzeuge, erhöht aber zugleich die Anforderungen an Produktauswahl, Portfoliokonstruktion und Risikosteuerung.
Nicht die ETF-Hülle entscheidet über den Mehrwert, sondern die Strategie darin. Investoren müssen beurteilen, welche Funktion ein Produkt erfüllen soll, wie viel Selektionsrisiko sie eingehen möchten und ob dieses Risiko im Gesamtportfolio angemessen berücksichtigt wird.
Mehr Auswahl führt nicht automatisch zu besseren Portfolios. Sie kann jedoch Mehrwert schaffen, wenn Produkte aufgrund eines nachvollziehbaren Investmentprozesses und einer klar definierten Aufgabe im Portfolio ausgewählt werden.
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