Erneuerbare Energien: Weniger fossile Abhängigkeit, neue China-Abhängigkeit
Das Wichtigste in Kürze:
- Erneuerbare Energien verringern die laufende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und somit von schwierigen Handelspartnern.
- Dafür entstehen neue Abhängigkeiten bei Technologien, Komponenten und Rohstoffen vor allem von China.
- Ein Lieferstopp aus China würde zunächst den Ausbau erneuerbarer Energien verteuern und verzögern. Recycling kann die Abhängigkeit langfristig reduzieren, ist aber kein kurzfristiger Ausweg.
Eine Abhängigkeit verschwindet, eine andere entsteht
Die Energiewende macht Europa unabhängiger, aber anders als es zunächst klingt. Wind und Sonne müssen nicht importiert werden, die Technik zu ihrer Nutzung vielfach schon. Seit der europäischen Energiekrise gilt der Ausbau erneuerbarer Energien nicht nur als Klimaschutzmaßnahme, sondern auch als Weg zu größerer Energiesicherheit. Das Argument ist plausibel: Wind und Sonnenlicht müssen nicht importiert werden. Sie können weder durch ein Embargo noch durch die Schließung einer Pipeline verknappt werden.
Vollständige Unabhängigkeit entsteht daraus jedoch nicht. Um diese Energiequellen zu nutzen, werden Solarmodule, Windturbinen, Stromnetze und Batteriespeicher benötigt. Ihre Wertschöpfungsketten sind global organisiert und teilweise stark in China konzentriert.
Der entscheidende Unterschied zu fossilen Energien liegt im zeitlichen Charakter der Abhängigkeit. Öl, Gas und Kohle sind kontinuierliche Brennstoffströme: Jede verbrauchte Einheit muss durch eine neue Lieferung ersetzt werden. Eine Windturbine oder Solaranlage bildet dagegen Anlagen, die nach dem Aufbau viele Jahre genutzt werden. Ist sie installiert, produziert sie über viele Jahre Strom, ohne für jede Kilowattstunde neue Rohstoffe aus China zu benötigen.
Die Energiewende beseitigt geopolitische Risiken daher nicht. Sie verschiebt sie von der laufenden Energieversorgung in die vorgelagerte industrielle Wertschöpfungskette.
Wo China besonders stark ist
Am deutlichsten zeigt sich die Abhängigkeit bei der Solarenergie. Rund 85 Prozent der weltweiten Produktionskapazität entlang der solaren Lieferkette befinden sich in China. Bei PV-Wafern sind es sogar etwa 95 Prozent. Von den Solarpanels, die die EU 2024 aus Nicht-EU-Staaten importierte, kamen 98 Prozent aus China.
Das liegt weniger an seltenen Erden, als oft vermutet wird. Solarmodule bestehen vor allem aus Silizium, Glas, Aluminium, Kupfer und Silber. China produziert fast alles, was für ein Solarmodul benötigt wird: vom gereinigten Silizium bis zum fertigen Modul. Weil chinesische Unternehmen sehr große Mengen herstellen, sind ihre Produkte günstig. Für Hersteller in Europa ist es deshalb schwer, mitzuhalten.
Chinas Position beruht dabei zunehmend nicht nur auf niedrigen Kosten. Das Land entwickelt sich in vielen Clean-Tech-Branchen von der „verlängerten Werkbank“ zum Innovations- und Skalierungszentrum: Im Global Innovation Index 2025 erreichte China erstmals die Top 10, führt bei Wissens- und Technologieoutputs sowie Patentanmeldungen. Für Europa geht es deshalb nicht nur um Versorgungssicherheit, sondern auch darum, eigene Wertschöpfung und technologisches Know-how zu erhalten.[1]
Ähnlich sieht es bei Batterien aus. China verfügt über rund 80 Prozent der Produktionskapazität entlang der Lithium-Ionen-Lieferkette. Batterien erzeugen zwar keinen Strom, werden aber wichtiger, um Schwankungen auszugleichen. Nicht jede Wind- oder Solaranlage braucht einen eigenen Speicher. Flexibilität kann auch durch bessere Netze, Stromhandel, Pumpspeicher oder flexible Verbraucher entstehen. Je stärker ein Energiesystem jedoch auf Batterien setzt, desto wichtiger wird die chinesische Lieferkette.
Bei Windenergie ist Europa besser aufgestellt. Die Abhängigkeit konzentriert sich vor allem auf Leistungselektronik und Permanentmagnete für bestimmte Turbinentypen. China verarbeitet mehr als 90 Prozent der dafür relevanten Magnet-Seltenerden und dominiert die Magnetproduktion. Allerdings kommen nicht alle Windturbinen mit solchen Magneten zum Einsatz. Das Risiko der Abhängigkeit hängt deshalb stark von der verwendeten Technologie ab.
[1] WIPO, Global Innovation Index 2025; IEA, Solar PV Global Supply Chains.
Quelle Daten: Linke Seite: https://www.iea.org/reports/rare-earth-elements/executive-summary, rechte Seite: https://www.iea.org/reports/energy-technology-perspectives-2026/supply-chain-risks-and-industrial-competitiveness; Datenstand jeweils 2024.
Quelle Illustration: Warburg Invest
Die Lösung heißt De-Risking
Ein vollständiges Abkoppeln von China wäre teuer und könnte den Ausbau erneuerbarer Energien bremsen. Damit würde Europa ausgerechnet länger von fossilen Importen abhängig bleiben.
Sinnvoller ist eine De-Risking-Strategie: mehr Lieferländer, strategische Lagerbestände, alternative Technologien sowie eigene europäische Kapazitäten für Verarbeitung und Fertigung.
Die Windenergie zeigt, wie sich einzelne Abhängigkeiten verringern lassen. Anders als bei Solarmodulen oder Batteriezellen stehen verschiedene Turbinentechnologien zur Verfügung, die nicht alle Permanentmagnete benötigen. Besonders Offshore-Anlagen nutzen solche Generatoren häufiger als Onshore-Anlagen. Der aktuelle WindEurope-Ausblick rechnet bis 2030 jedoch mit einem höheren Onshore-Anteil, weil sich viele Offshore-Projekte durch gestiegene Kosten, schwierigere Finanzierung und Engpässe bei Netzanbindungen und Infrastruktur verzögern[1]. Dies bedeutet keine dauerhafte Abkehr von Offshore, sondern vor allem eine zeitliche Verschiebung vieler Projekte. Dadurch fällt der erwartete Bedarf an Magnet-Seltenerden bis 2030 geringer aus als in früheren Projektionen.
[1] Darüber berichtet u.a. auch die IEA in ihrem 2025 Report zu Renewable Electricity.
Quelle Daten: Europäische Kommission, WindEurope; Quelle Illustration und Berechnung: Warburg Invest
Auch Recycling kann helfen, aber nicht sofort. Anders als Öl und Gas werden die Metalle in Solarmodulen, Windturbinen und Batterien nicht verbrannt. Sie bleiben im Wirtschaftssystem und können grundsätzlich wiederverwendet werden.
Der Haken: Europas Anlagenbestand ist noch jung. Viele Materialien werden erst in einigen Jahrzehnten zurückkommen. Bei Batterien könnte Recycling bis 2050 immerhin 20 bis 30 Prozent der Nachfrage nach Lithium, Nickel und Kobalt decken[1]. Doch auch die Recyclingkapazitäten sind heute stark in China konzentriert.
Europa wird daher nur unabhängiger, wenn es nicht nur Altanlagen sammelt. Auch Aufbereitung, Raffination und die Herstellung müssen in Europa oder bei verlässlichen Partnern stattfinden. Sonst wird aus der Rohstoffabhängigkeit lediglich eine Recyclingabhängigkeit.
[1] https://www.iea.org/reports/recycling-of-critical-minerals/executive-summary
Ihr Takeaway:
Erneuerbare Energien machen Europa nicht vollständig unabhängig. Sie verringern aber eine besonders problematische Abhängigkeit: Öl und Gas müssen ständig neu importiert werden.
Solaranlagen und Windräder produzieren dagegen viele Jahre Strom, sobald sie einmal aufgebaut sind.
Das ist in einem wichtigen Punkt ein geopolitischer Fortschritt: Eine installierte Anlage produziert ohne fortlaufende Brennstofflieferungen. In einer anderen Dimension kann das Risiko jedoch größer sein, weil einzelne Clean-Tech-Lieferketten heute stärker geografisch konzentriert sind als Europas fossile Bezugsquellen. Entscheidend ist daher nicht „unabhängig oder abhängig“, sondern welche Art von Abhängigkeit Europa akzeptabel ist.[1]
Unser Tipp: Bei Clean-Tech-Investitionen sollte die Analyse nicht bei den vermiedenen CO₂-Emissionen enden. Ebenso wichtig sind die geografische Konzentration der Lieferkette, alternative Bezugsquellen und der Zugang zu Recyclingkapazitäten. Interessant können insbesondere Unternehmen sein, die konkrete Engpässe adressieren, etwa bei Batterierecycling, Leistungselektronik oder der Wiederverwendung von Permanentmagneten.
[1] IEA, Energy Technology Perspectives 2026; Eurostat, Energy in Europe, 2025 edition.
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