Eine nüchterne Party? US-Unternehmensgewinne im Fokus
Kernpunkte:
- Die US-Unternehmensgewinne haben 2026 positiv überrascht; für Aktieninvestoren wird nun aber entscheidend, ob diese Dynamik auch 2027 tragfähig bleibt.
- Ungewöhnlich ist, dass die Kursentwicklung zuletzt vor allem von steigenden Gewinnen getragen wurde, während die Bewertungen sogar leicht belastet haben. Dies sehen wir als Hinweis darauf, dass die Skepsis gegenüber anhaltend hohem Gewinnwachstum gestiegen ist.
- Unter der Oberfläche verschieben sich die Gewinnerwartungen deutlich: Vor allem der IT-Sektor muss weiter liefern, während die Analysten ihre zugrunde liegenden Wachstumserwartungen für 2027 in vielen anderen Sektoren bereits zurückgenommen haben.
Für die börsennotierten Unternehmen in den USA gab es 2026 tatsächlich einiges zu feiern: Im IBES S&P 500 wurden die Gewinnerwartungen seit Jahresbeginn um 16% angehoben, weil die Unternehmen besser verdient haben als zuvor unterstellt.
Aus Investorensicht ist das zunächst eine erfreuliche Nachricht. Der kleine Haken ist nur: An der Börse wird nicht lange gefeiert, was gerade war. Spätestens zum Jahreswechsel richtet sich der Fokus ohnehin auf die Unternehmensgewinne 2027. Wir halten es für sinnvoll, diesen Blick etwas früher zu wagen. Denn die Kursentwicklung wurde zuletzt vor allem von steigenden Unternehmensgewinnen getragen, während die Bewertungen sogar leicht belastet haben. Für einen Bullenmarkt ist das eine ungewöhnlich nüchterne Konstellation. Der Markt hat die guten Zahlen honoriert, sie aber nicht einfach in die Zukunft fortgeschrieben. Der Chart unten zeigt diese Zerlegung der Gesamtrendite in Gewinnentwicklung, Bewertungseffekt und Dividendenbeitrag.
Zerlegung der S&P-500-Gesamtrendite (nach IBES) – Gewinnbeitrag, Bewertungsänderung und Dividendenkomponente
(Die Total Return Komposition erfolgt auf Basis logarithmischer Renditen nach der Formel TR=(1+DY)*(1+EG)*(1+D(PE))-1.
Quelle: LSEG Datastream, IBES, Warburg Invest. Stand: 07.09.2026)
Wenn die Bewertungen keinen Rückenwind mehr liefern, wird umso wichtiger, wie tragfähig die Gewinnentwicklung ist. Schon heute zeichnen sich Tendenzen ab, die für 2027 entscheidend werden könnten.
An der Oberfläche ergibt unsere Analyse zunächst ein positives, wenn auch wenig aufregendes Ergebnis. Aktuell rechnet der Konsens nach IBES auf Basis des Total Net Income für 2027 mit einem Gewinnwachstum von rund 9% gegenüber 2026. Das wäre ein gutes, aber nicht außergewöhnliches Ergebnis. Wichtiger noch: Dies ist nur marginal niedriger als das Wachstum, das die Analysten zu Beginn des Jahres für 2027 unterstellt hatten. Als langjährige Beobachter des Marktes würden wir mit einem Schmunzeln feststellen: Wenn der Konsens normal ausgeprägt ist, ergibt sich regelmäßig ein mutmaßliches Gewinnwachstum von 10% für das nächste Fiskaljahr. Die Informationen, die seit Jahresbeginn bekannt wurden, waren augenscheinlich nicht geeignet, diese Erwartung an das Gesamtergebnis wesentlich zu verändern.
Wenig News für 2027 also, sagen Sie, liebe Leserschaft? Keineswegs, denn der Teufel steckt im Detail. Der Blick auf die S&P 500-Sektoren offenbart erhebliche Verschiebungen in den Erwartungen, die man als Aktieninvestor unbedingt auf dem Zettel haben sollte.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen einem mechanischen Anstieg der Schätzungen aufgrund der höheren Ausgangsbasis und einer echten Revision der Erwartungen für 2027. Die Gewinnschätzung für 2027 ergibt sich aus dem erwarteten Ergebnis für 2026 und dem darauf aufbauenden Wachstum. Steigen im Jahresverlauf die Gewinne für 2026, erhöht sich bei unveränderter Wachstumsrate automatisch auch die absolute Schätzung für 2027. Das ist der Basiseffekt. Erst eine Veränderung der unterstellten Wachstumsrate ist eine echte Revision – und damit ein Hinweis darauf, wie die Analysten die Geschäftsaussichten für 2027 inzwischen beurteilen. Der Chart zeigt die wichtigsten Möglichkeiten auf.
Wendet man diese Zerlegung auf die Sektoren des S&P 500 nach IBES an, zeigt sich, dass die stabile Erwartung für den Gesamtindex erhebliche Bewegungen unter der Oberfläche verdeckt. Besonders positiv sticht der IT-Sektor hervor. Die Gewinnerwartungen für 2027 wurden hier um mehr als 35% angehoben. Dahinter stehen nicht nur die kräftig gestiegenen Gewinne des Jahres 2026, sondern auch ein positiver Revisionseffekt von fast 17%. Die Analysten halten das starke Geschäftsjahr damit nicht für eine Eintagsfliege, sondern sind im Jahresverlauf noch zuversichtlicher geworden, dass die IT-Unternehmen 2027 weiter wachsen können.
Der IT-Sektor prägt damit auch die Schätzungen für den Gesamtindex, schließlich entfallen in der GICS-Klassifikation mehr als ein Drittel der für 2027 erwarteten Gewinne des S&P 500 auf ihn. Positiv sticht daneben das Gesundheitswesen hervor. Hier fällt der Revisionseffekt mit 9% ebenfalls kräftig aus, obwohl die Gewinnschätzungen für 2026 im Jahresverlauf nach unten revidiert wurden. Auch bei den Industriewerten und Versorgern ist die Dynamik unter dem Strich moderat positiv. Die Effekte sind bislang jedoch zu gering, um für die Sektoren selbst oder die Gesamtgewinne des S&P 500 eine nennenswerte Rolle zu spielen.
Ausgewählte Sektoren aus dem IBES S&P 500
Wichtiger ist: In sieben Sektoren ist der Revisionseffekt seit Jahresbeginn negativ ausgefallen. Am stärksten betrifft dies den Energiesektor. Offenbar unterstellen die Analysten, dass sich das derzeit hohe Niveau der Ölpreise und Unternehmensgewinne 2027 nicht fortsetzt, und haben ihre Wachstumserwartungen entsprechend zurückgenommen. Ebenfalls stark von negativen Revisionen betroffen sind die Sektoren Kommunikationsdienste und zyklische Konsumgüter (zum Beispiel Autos, Luxus, Reisen). In beiden Sektoren liegen die prognostizierten Gewinne für 2027 nun niedriger als für 2026.
Damit ist die zentrale Bedingung für ein gutes Aktienjahr bei US-Large-Caps 2027 klar: Der IT-Sektor muss weiter liefern. Natürlich hilft auch eine gute Unternehmensentwicklung in anderen Bereichen der Wirtschaft. Die offenkundige Schlussfolgerung aus unserer Untersuchung ist aber auch: Die sehr starken Gewinne dieses Jahres werden von den Analysten in den meisten Sektoren nicht eins zu eins in die Zukunft fortgeschrieben. Das ist umso relevanter, weil die Bewertungen bereits jetzt keinen Rückenwind mehr liefern, sondern leicht belasten. Für Anleger zählen daher weniger aggregierte Indexgewinne als die Frage, welche Sektoren steigende Erwartungen tatsächlich rechtfertigen können.
Disclaimer
Diese Information stellt weder ein Angebot noch eine Aufforderung zur Abgabe eines Angebots dar, sondern dient allein der Orientierung und Darstellung von möglichen geschäftlichen Aktivitäten. Diese Information erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und ist daher unverbindlich. Sie stellt keine Empfehlung zum eigenständigen Erwerb von Finanzinstrumenten dar, sondern dient nur als Vorschlag für eine mögliche Vermögensstrukturierung. Die hierin zum Ausdruck gebrachten Meinungen können sich jederzeit ohne vorherige Ankündigung ändern. Soweit Aussagen über Preise, Zinssätze oder sonstige Indikationen getroffen werden, beziehen sich diese ausschließlich auf den Zeitpunkt der Erstellung der Information und enthalten keine Aussage über die zukünftige Entwicklung, insbesondere nicht hinsichtlich zukünftiger Gewinne oder Verluste. Diese Information stellt ferner keinen Rat oder eine Empfehlung dar. Vor Abschluss eines in dieser Information dargestellten Geschäfts ist auf jeden Fall eine kunden- und produktgerechte Beratung erforderlich. Jede über die Nutzung durch den Adressaten hinausgehende Verwendung ist ohne unsere Zustimmung unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien sowie sonstige Veröffentlichung des gesamten Inhalts oder von Teilen. Diese Analyse ist auf unserer Website frei verfügbar.