Wie geht man mit waffenproduzierenden Unternehmen als Kapitalmarktinvestor um?

Mar 23, 2022

Wie geht man mit waffenproduzierenden Unternehmen als Kapitalmarktinvestor um?

Mit dem völkerrechtswidrigen Angriff der Russischen Föderation gegen die Ukraine ist nach einer langen Zeit des Friedens in weiten Teilen Europas über Nacht der Krieg in das Bewusstsein oder gar den Alltag der Europäer zurückgekehrt.  Seitdem beherrschen die schrecklichen Bilder der Kriegsschauplätze die Medien. Die ukrainische Regierung hat sich bereits mehrfach hilferufend an den Westen gewandt und um militärische Unterstützung gebeten.

Zeitenwende auch für Deutschland

Mit dem Krieg in der Ukraine ist in Deutschland auch die Debatte über die Bundeswehr und ihre Ausstattung neu entflammt. Veraltetes und defektes Material, zu wenig Geld und mangelnde politische Unterstützung – die Probleme sind bereits seit Jahren bekannt. Als Reaktion auf den Angriff auf die Ukraine hat sich das Bundeskabinett darauf geeinigt, der Bundeswehr zur „Aufrüstung“ und „Instandsetzung“ den enormen Betrag von EUR 100 Mrd. über einen Sonderetat zur Verfügung zu stellen und den Verteidigungshaushalt generell aufzustocken.

Mit dem zusätzlich zur Verfügung gestellten Budget wird sich Deutschland in die TOP3 der Staaten mit den höchsten Militärausgaben weltweit katapultieren – eine Zeitenwende für die Bundesrepublik. Lediglich der Verteidigungshaushalt der Volksrepublik China und der Vereinigten Staaten von Amerika ist noch größer. Im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung werden künftig voraussichtlich nur Saudi-Arabien und Israel noch mehr Budget für militärische Zwecke als Deutschland aufwenden (Quelle sipri.org). Dieser Vergleich zeigt eindrucksvoll die Dimension der getroffenen politischen Entscheidung. 

Angesichts der Verpflichtung der NATO-Mitgliedsstaaten, wonach jedes Mitgliedsland ca. 2% seines Bruttoinlandproduktes (BIP) für die Verteidigung ausgeben soll, ist das veranschlagte Budget allerdings auch notwendig. Denn in den letzten Jahren hat Deutschland nie mehr als ca. 1,4% des jährlichen BIPs für den Verteidigungshaushalt bereitgestellt. Mit dem nun genehmigten Sonderetat werden also nicht einmal die bislang versäumten Ausgaben vollständig nachgeholt, zu denen Deutschland als NATO-Mitglied angehalten ist.

Rüstungsindustrie bei Geldgebern wieder salonfähig?

Die Ankündigung der Budgetaufstockung durch die Bundesregierung wird zunehmend auch für Kapitalmarktinvestoren interessant, denn durch das zusätzliche militärische Budget sollten die börsengelisteten Rüstungsunternehmen steigende Gewinne erwarten können. Es stellt sich deswegen gerade in diesem Umfeld die moralische/ethische Grundsatzfrage, ob sich Privatinvestoren an den Gewinnen der Waffenindustrie generell beteiligen dürfen.

Diese Diskussion ist vielschichtig und es gibt hier unterschiedliche Gründe, sich für eine privatwirtschaftliche Teilhabe an Waffenherstellern oder aber dagegen auszusprechen. Vermutlich lässt sich generell feststellen, dass Waffen in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben unerlässlich sind. Schließlich will jeder im Angriffsfall, sei es militärisch durch den Überfall eines anderen Landes wie aktuell in der Ukraine oder bei einem gewaltsamen Übergriff eines Straftäters im zivilen Raum, durch Streitkräfte oder Polizei geschützt werden. Damit sowohl die Armee als auch die Polizei wirksam in der Lage ist die Bevölkerung zu schützen, müssen funktionsfähige Waffen bereitstehen, die im Ernstfall auch eingesetzt werden können.

Weiterhin lässt sich vermutlich generell feststellen, dass weder die Soldaten der Bundeswehr noch die Polizisten darauf aus sind, ihre Waffen auch aktiv einzusetzen. Sie müssen vielmehr damit rechnen, dass sie bei Schusswaffengebrauch anderen Menschen erhebliches Leid zufügen oder sie gar töten können. Damit eine solche aktive Nutzung der Waffen ausbleibt, ist es allerdings notwendig, dass die staatlichen Instanzen auch über Waffen verfügen. Die Wehrhaftigkeit der staatlichen Institutionen muss sichergestellt sein. Denn nur durch die glaubhafte Androhung der Verwendung dieser Waffen kann eine Abschreckung gegenüber Bedrohungsszenarien hergestellt werden. Damit dies gewährleistet ist, muss also der Staat dafür Sorge tragen, dass die Waffen von den staatlichen Institutionen zur Sicherheit der Bevölkerung eingesetzt und nicht missbräuchlich verwendet werden können.

Waffen sind notwendig um den Frieden sicherzustellen

 Können „Waffeninvestments“ auch als nachhaltig Investition eingestuft werden?

Unter den Eindrücken des aktuellen Krieges wird derzeit intensiv darüber debattiert, ob Waffen aus diesem Grund nicht auch als nachhaltige Investitionen betrachtet werden können. Schließlich ist das 16. der 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) tituliert mit „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“. In den konkreter ausformulierten Unterzielen heißt es dort weiter, dass „bis 2030 [die] illegalen Finanz- und Waffenströme deutlich verringert“ werden sollen. Es wird explizit die Eigenschaft der „illegalen Waffenströme“ genannt und nicht die allgemeinen Waffenströme bzw. -produktionen, sodass ein Interpretationsraum für die Deutung von Waffenherstellern aufgemacht wird.

Bei Betrachtung des zweiten großen Rahmenwerks zur Definition nachhaltigen Handelns – der EU-Taxonomie – werden Waffenhersteller im aktuellen Vorschlag der Sozialen Taxonomie ausgeschlossen. Dies scheint angesichts der allgemeinen Doktrin der EU-Taxonomie nur folgerichtig, nach der alle wirtschaftlichen Aktivitäten nur dann als nachhaltigen eingruppiert werden können, wenn sie zugleich keinen wesentlichen Schaden auf die Zielerreichung der anderen Ziele beisteuern („Do no significant harm“) und sogenannte soziale „Minimum Safeguards“ einhalten. Denn unabhängig, ob Waffen primär für Verteidigungszwecke hergestellt werden oder mit einer kriegerischen Intention erworben werden, die Funktion ist immer dieselbe: Man kann mit ihnen Menschen erheblich schaden oder sie gar töten.

Führt man sich vor Augen wie derzeit in der Ukraine Krieg geführt wird, wird dieser Verwendungszwecke sehr deutlich. Nicht die Menschen, die sich mit den Waffen an der Front gegenüber stehen, haben einen Konflikt miteinander, sodass die kriegerische Auseinandersetzung als einziger Ausweg erscheint, sondern der russische Präsident hat zu diesem Krieg aufgerufen. Putin als Oberbefehlshaber der Streitkräfte hat entschieden die Ukraine aufgrund des russischen Großmachtstrebens anzugreifen und die russischen Soldaten müssen ihm nun folgen. Zahlreiche Menschen müssen für diese Ideologie sterben. Dabei ist es unerheblich, ob Ukrainer oder Russen zu den Opfern zählen, denn am Ende ist immer ein Mensch durch den Einsatz von Waffen gewaltsam gestorben.

Die Produktion von Waffen kann aus diesem Grund niemals nachhaltig sein und damit können auch Unternehmen, die Waffen produzieren niemals ein nachhaltiges Geschäftsmodell haben. Denn ein missbräuchliches Verhalten kann nicht ausgeschlossen werden. Das Töten von Menschen wird niemals nachhaltig sein.

Waffen sind nicht nachhaltig

 Der Umgang mit Rüstungsinvestitionen in unseren Anlagestrategien

Aus diesem Grund haben wir in unserer Nachhaltigkeitsstrategie – Warburg Invest Responsible – Produzenten von Rüstungsgüter vom Investitionsuniversum ausgeschlossen, die relevante Umsätze (Umsatztoleranzgrenze 1%) aus der Herstellung von Waffen erzielen. Auch in den Nachhaltigkeitsstrategien, die wir in Spezialfonds umsetzen und in denen unseren Kunden uns ihre eigenen Nachhaltigkeitskriterien genannt haben, sind Waffenhersteller grundsätzlich mit einer ähnlichen Regelung ausgeschlossen.

Gleichwohl haben wir in unseren restriktionsfreien Anlagestrategien weiterhin die Möglichkeit, Aktienanteile von Rüstungsunternehmen oder Anleihen von Waffenproduzenten zu erwerben. In unseren ethischen Mindeststandards, die für alle aktiv verwalteten Investmentfonds verbindlich gelten, sind (bisher) nur die Produzenten von kontroversen Waffen wie Streubomben, Landminen oder Nuklearwaffen vom Anlageuniversum ausgeschlossen. Der Unterschied zu „konventionellen“ Waffen liegt darin, dass diese Waffen erhebliche „Kollateralschäden“, zum Teil über Generationen hinweg, nach sich ziehen und deswegen zum Teil von der UN auch grundsätzlich verboten wurden („geächtete Waffen“).

Der Grund, warum wir in unseren traditionellen Anlagestrategie Investitionen in Waffenhersteller nicht pauschal ausschließen, liegt in der oben geschilderten grundsätzlichen Daseinsberechtigung von Waffen für das gesellschaftliche Leben begründet. Kunden, die sich für unsere „klassischen“ Anlageprodukte entscheiden, wollen in erster Linie ihr Geld auf der Grundlage eines ausgewogenen Chancen-/Risikoverhältnis investieren. Bislang spielten Nachhaltigkeitsaspekte in diesen Strategien eine untergeordnete Rolle. Mit der Berücksichtigung unseres generellen ethischen Mindeststandards reduzieren wir auch in diesen Strategien Nachhaltigkeitsrisiken, die sich negativ auf die Rendite der Strategien auswirken können, in erheblichem Umfang. Aus dem verbleibenden Anlageuniversum wird nun sorgfältig eruiert, ob eine Beteiligung von Waffenherstellern im Gesamtkontext des Portfolios zu vertreten ist und die Rendite-Risikoparameter positiv beeinflusst werden.

Die Ankündigung der Bundesregierung hat dazu geführt, dass vor allem die deutschen Waffenhersteller wie Rheinmetall, Hensoldt oder Thyssenkrupp mit einer „Sonderkonjunktur“ in den nächsten Jahren rechnen können. Vor diesem Hintergrund besitzen wir in unseren Fonds einige Anteile (Aktien und/oder Anleihen) an diesen Unternehmen.

Unabhängig von dieser aktuellen Entscheidung setzen wir den eingeschlagenen Weg unseres Unternehmens fort und wollen bis Jahresende den Löwenteil unserer Publikumsfonds, entlang der Warburg Invest Responsible Strategie verwalten. Sobald die dafür notwendigen (regulatorischen) Schritte abgeschlossen sind, werden wir in den umgestellten Fonds die erworbenen Anteile der Waffenhersteller veräußern.

 Denn Waffen sind nun mal notwendig, aber nicht nachhaltig.

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