Nestlé – Aus großer Finanzkraft folgt große Verantwortung

Jun 1, 2022

Die Finanzkraft von Nestlé S.A.

Mit über 275.000 Angestellten, einem Umsatz von mehr als 80 Mrd. EUR und einem Gewinn von über 18 Mrd. EUR ist Nestlé S.A. der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt. Zahlreiche Marken wie Nescafé, Nesquik, Maggi, Smarties oder Thomy erzielen alleine Umsätze oberhalb von einer Milliarde Euro.

Die Größe des Konzerns spiegelt sich auch am Kapitalmarkt wider – der Konzern ist mit mehr als 3,3% am Stoxx 600 und mit mehr als 7,1% am Stoxx 50 eines der größten Indexgewichte. Aufgrund des stabilen Geschäftsmodells mit relativ gut kalkulierbaren Umsätzen, wird das Unternehmen am Kapitalmarkt für stabile Dividendenerträge geschätzt und Aktien des Konzerns finden sich in vielen Versicherungs- oder Pensionsfonds mit entsprechend langem Anlagehorizont wieder.

Nachhaltig, nachhaltiger, Nestlé?

Vor dem Hintergrund der Klimakrise und des massiven Verlusts der Biodiversität stellt sich allerdings die Frage, wie diese aktuell noch stabilen Erträge auch zukünftig nachhaltig generiert werden können. Hinzu kommt, dass Nestlé bei verschiedenen kontroversen Themen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit wie z.B. die Ausbeutung der weltweiten Wasserressourcen oder die Abholzung des Regenwaldes immer wieder in den Fokus von Diskussionen rückt. Betrachtet man jedoch das Nachhaltigkeitsrating des Unternehmens bspw. von MSCI ESG, indem der Konzern mit „AA“ bewertet wird, erlangt man zunächst den Eindruck, dass der Konzern „alles im Griff hat“. Denn „AA“ bewertete Unternehmen zählen nach der Systematik von MSCI ESG zu den „Leadern“ des Sektors im Hinblick auf die ESG-Kennzahlen.

Große Verantwortung

Wie sensibel das Thema Nahrungsmittel bzw. Versorgungssicherheit ist und welche Abhängigkeiten damit einhergehen, wird der Weltöffentlichkeit nicht zuletzt durch die derzeit ausbleibenden Weizenlieferungen aus der Ukraine und die dadurch potentiell bedingte Hungerkatastrophe für die Bevölkerungen von Ländern des globalen Südens verdeutlicht.

Folglich steht Nestlé, als weltweit größter Nahrungsmittelkonzern, allein aufgrund seiner Geschäftstätigkeit und seiner Vormachtstellung in diesem Sektor unter besonderer Beobachtung beim Thema Nachhaltigkeit. Denn allein aufgrund der Unternehmensgröße hinterlässt Nestlé durch seine Aktivitäten einen erheblichen ökologischen Fußabdruck. Zwar ist der Konzern mit Sitz in der Schweiz glücklicherweise in der finanziellen Situation (Bonitätsrating des Kapitalmarkts: AA-) umfassend auf die ökologischen Risiken reagieren zu können, jedoch folgt aus dieser Finanzkraft auch eine erhebliche Verantwortung.

Angesichts dieser Fakten und der andauernden Kritik an der Nachhaltigkeitsstrategie von Nestlé haben wir uns im Rahmen unserer Engagement-Strategie mit dem Unternehmen im März ausgetauscht.

Verpackungen sollen umweltfreundlicher werden

Der Fokus des Gesprächs lag auf der Verpackungsstrategie von Nestlé. Wir sind darin vor allem auf die Daten der Ellen MacArthur Foundation eingegangen, einer Stiftung, die  auf den Bereich „Kreislaufwirtschaft“ spezialisiert ist. 

So sind im „Global Commitment Progress Report“ der Stiftung die Ziele der größten Plastikproduzenten weltweit und die aktuelle Zielerreichungsquote angegeben. In der aktuellsten Auswertung aus dem Jahr 2020 ist Nestlé mit sehr ambitionierten Zielen (u.a. 30% Verwendung von recycelten Materialien bis zum Jahr 2025) aufgeführt.

Nestlé Verpackung

Noch „Luft nach oben“

Die aktuelle Zielerreichung zeigt aber: Nestlé hat in vielen Zielbereichen noch „Luft nach oben“, denn von aktuell ca. 1.267.000 Tonnen neuen Plastikverpackungen, sind bisher lediglich 15.000 Tonnen aus recyceltem Plastik produziert worden.

Entscheidend für die Nutzung von wiederverwertbarem Plastik ist das Produktdesign, da bestimmte chemische Zusammensetzungen bei Verpackungsmaterialien nur unter erheblichem chemischen und kostenintensivem Aufwand mit recycelten Materialien hergestellt werden können. Dies hat zur Folge, dass bestimmte Verpackungsdesigns bspw. mit extravaganten Farben oder Mustern, die aus Marketingaspekten möglicherweise zu bevorzugen wären, nicht genutzt werden sollten, um den Anteil an recycelten Verpackungsmaterialien zu erhöhen.

Angesichts des ambitionierten Ziels von Nestlé haben wir einen Schwerpunkt in unserem Gespräch auf diesen Faktor gelegt. Unseren Gesprächspartnern war diese „Problematik“ bekannt und Nestlé versucht, auch über eine effizientere Produktgestaltung das Gesamtvolumen der Verpackungen zu reduzieren. Auf die konkrete Frage, welche Beweggründe bei einer anstehenden Entscheidung eines Verpackungsdesigns zwischen einer aus Marketingsicht präferierten „aufwendigen“ Produktverpackung und einer aus Recyclingsicht „neutraleren“ Produktgestaltung dominieren, haben wir keine konkrete Antwort bekommen. Dies lässt darauf schließen, dass es derzeit noch keine verbindliche Vorgabe im Konzern gibt, wonach in jedem Fall das recyclingfreundliche Produktdesign verwendet werden muss.

Nespresso – der Kampf gegen die Aluminium-Kapseln?

Neben dem enormen Verbrauch von Plastik ist Nestlé durch die Marke „Nespresso“ auch einer der größten Nutzer von Aluminiumverpackungen in der Lebensmittelindustrie. Diese Tatsache haben wir ebenfalls in unserem Gespräch mit Unternehmensvertretern von Nestlé thematisiert. Nach eigenen Angaben nutzt das Unternehmen e bereits ca. 85% recyceltes Aluminium für die Produktverpackungen. So ist Nestlé im Hinblick auf die Ziele einer Kreislaufwirtschaft in diesem Bereich auf einem guten Weg.

Die Nutzung von Aluminium für Produktverpackungen hat jedoch den Nachteil, dass die Produktion bzw. die Wiederaufbereitung von Aluminium ein CO2-intensives Geschäft ist. Mit einem Milliardenumsatz in der Sparte Nespresso und einer entsprechend großen Zahl an „Kaffeekapseln“ ist Nestlé ein großer Einkäufer bei Aluminiumlieferanten. Darauf angesprochen, wie diese Marktmacht genutzt wird, um die Aluminimumlieferanten unter Druck zu setzen, weniger Treibhausgase zu emittieren, hat sich der Konzern auf globale Einkaufsallianzen berufen, die gebündelt auf die Verbesserung der Produktionsprozesse hinwirken sollen.

Um die Nachhaltigkeitsstrategie rund um die Verwendung von Aluminium-Kaffeekapseln zu vervollständigen, wäre es jedoch wünschenswert, wenn Nestlé seine Marktmacht nutzen würde, um die vereinbarten Zahlungen an die Aluminiumlieferanten mit Verbesserungen hinsichtlich der Reduktion der eigenen Treibhausgase zu koppeln, um dadurch bei den Lieferanten einen Anreiz zur Verbesserung der Produktionsprozesse zu setzen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Nestlé dem Thema Nachhaltigkeit insgesamt eine hohe Priorität einräumt. Deutlich wurde dies auch durch die Tatsache, dass an unserem Gespräch viele Fachexperten aus den einzelnen Unternehmensbereichen teilgenommen haben und Detailwissen zu den angesprochenen Themen liefern konnten. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch das gute Nachhaltigkeitsrating des Konzerns.

Aufgrund des enormen Einflusses der eigenen Geschäftstätigkeit auf weite Teile der Wirtschaft und der Umwelt hat Nestlé allerdings auch eine große Verantwortung, bisherige nicht nachhaltige Prozess zu verändern.

Da die nötige Finanzkraft für diese Umstrukturierungen vorhanden ist, muss das Unternehmen unserer Ansicht nach auch besonders kritisch betrachtet werden. Wir werden daher weiterhin die Entwicklung insbesondere im Bereich der Kreislaufwirtschaft eng begleiten und hoffen, dass sich das Unternehmen seiner Verantwortung für unseren Planeten und unser Zusammenleben bewusst ist.

Hinweis: Warburg Invest ist über mehrere Fonds und Wertpapiere in diesem Unternehmen direkt investiert. 

 

 

Nach oben