Nachhaltigkeit, eine „Worthülse“?

Fri Oct 26 11:01:08 CEST 2018

Wer sich schon seit über zehn Jahren mit der Thematik der „Nachhaltigkeit“ im Allgemeinen und des verantwortlichen Investierens im Besonderen beschäftigt, hatte in den vergangenen Jahren, als der „Hype“ um nachhaltiges Investieren so richtig Fahrt aufnahm und scheinbar jeder Wettbewerber sein „Me Too“-Produkt an den Start brachte, durchaus gemischte Gefühle.

Einerseits ist es natürlich zu begrüßen, in der Nische des immer noch von Mainstreamprodukten geprägten Marktes für Asset Management zu wachsen. Andererseits konnte durchaus der Eindruck entstehen, der eine oder andere Mitbewerber spiele ohne besondere Überzeugung im Bereich der Nachhaltigen Investments mit.

Die Genese eines Begriffs

Insofern nimmt es nicht Wunder, wenn Kritik laut wird. So ist in diesen Tagen zu lesen, Nachhaltigkeit sei „schwammig“ und eine „Worthülse“. Auch wenn ich dem inflationären Gebrauch des Begriffes Nachhaltigkeit ohne entsprechendem Engagement kritisch gegenüber stehe, sollte das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Ein kurzer Faktencheck: Der Begriff „Nachhaltigkeit“ wird Hans Carl von Carlowitz zugeschrieben, der von 1645 bis 1714 lebte und in Sachsen im Bereich der Forstwirtschaft tätig war. Intensiv betriebener Bergbau drohte die regionalen Holzvorräte zu erschöpfen. In diesem Umfeld formulierte von Carlowitz den Gedanken, dem Wald nicht mehr Holz zu entnehmen als nachwächst.

Ein überaus zeitgemäßer Gedanke, wie ich finde, wenn man sich zum Beispiel die negativen Auswirkungen durch die Vermüllung der Meere oder den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid vor Augen führt. Im Bereich der Kapitalanlage etablierten die angelsächsischen Quäker bereits vor mehreren hundert Jahren Ausschlusskriterien, und kurz vor dem großen Crash 1928 wurde in den USA der erste Publikumsfonds aufgelegt. 1987 trat der Begriff schließlich auf die weltpolitische Bühne, als die sog. Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen formulierte: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ Vor dem Hintergrund des Anfang Oktober 2018 veröffentlichten Berichtes des UNO-Klimarates sind dies höchst aktuelle Gedanken.

Stärke des Konzeptes

Wir betreuen eine Vielzahl von Kunden in diesem Bereich und stellen immer wieder fest, dass die Begrifflichkeit des nachhaltigen Investierens höchst individuell verstanden wird. Wir sehen das jedoch eher als eine Stärke denn einen Schwachpunkt des Konzeptes, weil darin eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik zum Ausdruck kommt. Nach dem Prinzip „What you see is what you get“ versteht eine Kirchenbank andere Dinge unter Nachhaltigkeit als eine Pensionskasse. Wer die intensiven Diskussionen mit Kunden zu Detailfragen eines Konzeptes geführt hat, dem kommt weniger die Assoziation zur „Schwammigkeit“, sondern eher ein Goethe-Zitat in den Sinn: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Ich meine damit, nachhaltiges Investieren ist eben kein Zustand, sondern ein Prozess der permanenten Weiterentwicklung im Sinne des japanischen Begriffs und Konzepts „Kaizen“.

Bedeutung eines leistungsfähigen Research-Anbieters

Kritisch sehe ich hingegen die oben erwähnten Me-Too-Konzepte. Nach Lizensierung eines – möglichst preiswerten – ESG-Research-Anbieters schnell ein Portfolio zusammenzuklicken, springt zu kurz und zieht auch berechtigterweise Kritik auf sich. Ein leistungsfähiger Anbieter von ESG-Research ist ein wichtiger Bestandteil eines seriösen Portfoliomanagements in diesem Bereich – wie etwa Erfahrung bei der Umsetzung und externes Wissen in Form von Beiräten oder „Nachhaltigkeits-Scouts“. Wir arbeiten seit einigen Jahren eng und vertrauensvoll mit dem Team von MSCI zusammen.

Keine „Worthülse“ sind impact investments wie bspw. Mikrofinanz. Dazu muss man sich nur einmal deren Tätigkeitsberichte anschauen. Darin kommt zum Ausdruck, welche konkreten Auswirkungen diese Investments haben. Gar nicht „schwammig“ finden wir den Effekt von – sinnvoll zusammengestellten – ESG-Kriterien auf die Risiko-Ertrags-Eigenschaften von Portfolien.

 

Studie Fundresearch

Nach oben