Nachhaltiges Investieren im Anleihebereich verbessert Risiko-Ertragsprofil

Fri Jul 27 09:11:19 CEST 2018

Das Investieren anhand nachhaltiger Kriterien – Stichworte sind hier Umwelt, Soziales, Governance – wird im Anleihebereich langsam, aber stetig zu einem immer wichtigeren Thema. Zwar entfällt bis heute der größte Teil der Aufmerksamkeit und des Engagements der Anleger im Bereich Nachhaltigkeit noch auf Aktien, da hier umfangreicheres Research-Material, vielfältige Benchmarks sowie Produkte vorhanden sind. Dr. Christoph Kind, CIO von MARCARD, STEIN und CO, hat sich mit diesem Thema in einem Ende Juli veröffentlichten Artikel beschäftigt.

Anleiheinvestoren berücksichtigen immer stärker nachhaltige Kriterien

Aktuelle Studien legen nahe, dass die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien zu robusteren und performancestärkeren Anleiheportfolios führen kann. Dies gilt sowohl für Staats- als auch für Unternehmensanleihen. Dabei steht vor allem die Verringerung der Portfoliorisiken aus einer mangelhaften Unternehmens- oder Staatsführung im Vordergrund. Viele Anleiheinvestoren nehmen mittlerweile ESG-Kriterien (ESG = environmental, social und governance) in ihre Investmentansätze auf. Dazu zählen große institutionelle Investoren wie die KfW, die ihr Liquiditätsmanagement unter anderem hiernach ausrichtet. Auch die Ratingagenturen achten bei der Ratingvergabe verstärkt auf ESG-Kriterien. S&P hat beispielsweise im Zeitraum von Juli 2015 bis August 2017 in 106 Fällen das Rating eines Emittenten aufgrund von Umwelt- und Klimathemen verändert.

Themen wie Korruption oder mangelnde Unternehmensführung im Fokus

Dabei haben Manager von Anleihenportfolien seit jeher stärker als Aktienmanager auf die Risiken geachtet, die heute unter dem Schlagwort ESG zusammengefasst werden, ohne es explizit so zu nennen oder zu systematisieren. Korruption, mangelhafte Unternehmens- oder Staatsführung sowie negative Externalitäten aus Umweltrisiken oder sozial fragwürdigen Praktiken wurden immer genau ins Blickfeld genommen.

Dies ist aufgrund des asymmetrischen Risikoprofils von Festverzinslichen nicht verwunderlich. So profitieren Anleiheinvestoren bei möglichen Gewinnen aus fragwürdigen Praktiken aufgrund des fixen Zahlungsstroms im Gegensatz zu Aktieninvestoren kaum, während sie im Fall eines Skandals, einer größeren Katastrophe oder eines politischen Konflikts (bei Staatsanleihen) oft hohe Verluste zu tragen haben. Beispiele von staatlichen und privaten Emittenten aus der Vergangenheit gibt es zahlreiche, sie hier anzuführen würde aber den Rahmen sprengen.

Risikominimierung ein zentrales Motiv

Das Motiv für die systematische Aufnahme von ESG-Kriterien in den Investmentprozess bei Anleihen liegt somit noch weit stärker als im Aktienbereich in der Risikominimierung. ESG-Kriterien dienen in erster Linie als Deselektionskriterien. Der Ausschluss von wenigen Anleihen von Staaten und Unternehmen mit den schwächsten Scores liefert oftmals bereits den größten Nutzen aus der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien für ein Anleiheportfolio. So hat Barclays in einer Studie nachgewiesen, dass Emittenten mit niedrigen ESG-Scores eine höhere Wahrscheinlichkeit von Ratingsdowngrades aufweisen als Emittenten mit höheren ESG-Scores.

In dieser Studie wurden zudem breit diversifizierte Portfolios konstruiert, die den Bloomberg Barclays US Investment Grade Corporate Bond Index nachbilden, indem die Charakteristika Qualität, Sektoraufteilung und Duration wie beim Index gewählt wurden. Diese Portfolios wurden bei ansonsten gleichen Charakteristika einmal mit niedrigen und einmal mit hohen ESG-Werten gebildet. Dabei wurden sowohl die ESG-Scores von MSCI als auch von Sustainalytics verwendet. Im Ergebnis konnten die Portfolios mit den höheren ESG-Scores eine kleine, aber oftmals nachhaltige Outperformance aufweisen.

Governance-Score liefert höchsten Nutzen für Performance 

Dabei sind nicht alle Kriterien gleichermaßen relevant. Den höchsten Nutzen unter Performancegesichtspunkten liefert der Governance-Score, während die Berücksichtigung sozialer Aspekte im Fall der Scores von MSCI sogar leicht negative Ergebnisse erbracht hätte. Ein hoher G-Score geht möglicherweise mit einer hohen Managementqualität einher, was sich langfristig für Bondinvestoren auszahlt.

Auch im Bereich der Staatsanleihen kann die stärkere Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien Risiken vermindern. So kommt MSCI in einer Studie mit einem Betrachtungszeitraum von 2011 bis 2017 zu dem Ergebnis, dass es einen negativen Zusammenhang zwischen dem ESG-Score und der Veränderung der CDS-Spreads des jeweiligen Landes gibt. Hohe ESG-Scores gehen im Mittel mit niedrigen CDS-Spread einher.

Schwache ESG-Werte korrelieren mit höheren Risikoaufschlägen

Die Allianz hat diesen Zusammenhang in einer Studie von 2017 ebenfalls nachgewiesen und zeigt zudem auf, dass sehr schwache ESG-Werte mit deutlich höheren Risikoaufschlägen einhergehen als bei Staaten, die unter Nachhaltigkeitsaspekten sehr gute Werte aufweisen. Die Beziehung ist zudem nicht-linear. Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Studie ist, dass zwar ein Zusammenhang zwischen den Bonitätsratings der Ratingagenturen und den ESG-Scores besteht, teilweise aber auch erhebliche Abweichungen bestehen ESG-Scores stellen vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Informationsquelle dar.

Es zeigt sich mehr und mehr, dass sowohl im Bereich von Staats- als auch von Unternehmensanleihen eine stärkere Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien einen Mehrwert bieten kann. Da im Anleihebereich ein Großteil der Outperformance alleine durch die Vermeidung von Fehlgriffen und Defaults erzielt werden kann, sollten die zusätzlichen Informationen aus der Nachhaltigkeitsanalyse stärker im Investmentprozess zum Tragen kommen. Vor allem die Extremrisiken können möglicherweise durch das frühzeitige Erkennen einer mangelhaften Unternehmens- oder Staatsführung verringert werden.

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