Glencore – Ein edler Ritter in der Not oder knallharter Businessman?

Aug 19, 2022

Infolge der Umstellung der Methodologie nach der unser primärer ESG-Datenanbieter MSCI das Kontroversen Screening angepasst hat, wurde der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore mit einer „Red Flag“ bewertet. Dies ist gleichbedeutend mit einem schweren Verstoß gegen die 10 Leitprinzipien des UN Global Compact. Nach der aktuellen Nachhaltigkeitsregulierung der EU für Kapitalmarktteilnehmer gelten Unternehmen, die gegen die Prinzipien des UN Global Compact verstoßen, als solche, die (erhebliche) nachteilige Nachhaltigkeitsauswirkungen mit ihren Geschäftsaktivitäten verursachen. Diese Bewertung von UN-Global-Compact-Verstößen führt dazu, dass viele Kapitalmarktteilnehmer (so auch wir) zukünftig nicht mehr in diese Unternehmen investieren werden.

Ursachenforschung für die negative Bewertung

Um die Gründe für den Verstoß zu erfahren, haben wir uns intensiv mit Glencore auseinandergesetzt. Zudem haben wir im Juli einen Engagement Call mit Vertretern des Unternehmens durchgeführt, indem wir ihre Perspektive auf die negative Einstufung hören wollten und zugleich den Verantwortlichen unsere Erwartungen zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsausrichtung mitgeben wollten.

Bei unseren Recherchen haben wir festgestellt, dass MSCI insgesamt 38 Kontroversen (überwiegend aus dem Bereich Umwelt & Soziales) aufführt. Von diesen 38 Kontroversen werden 5 mit einer „Orange Flag“ (schweres unternehmerisches Fehlverhalten) eingestuft und 1 Kontroverse mit einer „Red Flag“, welche für eine laufende sehr schwerwiegende Kontroverse sowie für einen Verstoß gegen den UN Global Compact steht.

Aktivitäten in einer Kohlemine in Kolumbien

Verantwortlich für die „Red Flag“ sind die Aktivitäten des Konzerns in einer Kohlemine in Kolumbien (Cerrejón), die enorme Mengen Wasser aus dem Reservoir El Cercado Dam und dem Fluss Racheria benötigen. Gemäß den Auswertungen von MSCI wird dort täglich eine Menge von ca. 2,7 Millionen Liter Wasser aus den Gewässern entnommen. Dieser hohe Wasserverbrauch hat zur Folge, dass nicht genügend Trinkwasser für die landwirtschaftliche Nutzung in der Region zur Verfügung steht und damit einhergehend zahlreiche Dürreperioden zur Mangelernährung, insbesondere bei den indigenen Bevölkerungsgruppen, geführt haben. Ein Report der UN hat bereits 2014 aufgezeigt, dass die Menschen in dieser Region lediglich 0,7 Liter Wasser täglich zur Verfügung haben. Angesichts des enormen Wasserverbrauchs, der mit dem Betrieb der Mine einhergeht und dramatische soziale Folgeschäden verursacht, ist die Einstufung von MSCI folgerichtig, wonach durch den Betrieb die Prinzipien des UN Global Compact nicht eingehalten werden. Auf unsere Nachfrage zu diesem Problem war die Antwort des Unternehmens, dass die Wasserknappheit vorwiegend auf die Landwirtschaft zurückzuführen sei. Unserer Meinung nach ist diese Aussage aufgrund des sehr hohen Wasserverbrauchs der Mine jedoch nicht nachvollziehbar.

Glencore baut sein Kohle-Geschäft aus

Bis Anfang des Jahres hielten die Rohstoffkonzerne Anglo American, BHP Billiton und Glencore jeweils 33% an der Mine. Vor dem Hintergrund der Kontroverse ist wenig überraschend, dass die Konzerne darüber nachdachten, sich von dieser Beteiligung zu trennen. Umso überraschender war dann allerdings die Entscheidung von Glencore, die Anteile von Anglo American und BHP Billiton vollständig zu übernehmen.

„Die soziale Mission“ von Glencore

In unserem Gespräch haben wir nach den Beweggründen für diese unternehmerische Entscheidung gefragt. Der Konzern hat sich dahingehend geäußert, dass es für die Bevölkerung das geringere Übel wäre, wenn Glencore die Mine vollständig übernimmt, anstelle, dass (womöglich) ein russischer Rohstoffkonzern in die Mine eingestiegen wäre und (noch) niedrigere Nachhaltigkeitsstandards angesetzt hätte. Durch die Übernahme der Mine durch Glencore könnte man den Menschen in der Region auch zukünftig einen sicheren Arbeitsplatz anbieten, was bei einer anderen Eigentümerstruktur womöglich nicht der Fall gewesen wäre. Mit dieser Argumentation beabsichtigt  Glencore offenbar, sich als „edler Ritter in der Not“ und vorbildliches Unternehmen zu positionieren.

Der Dekarbonisierungspfad des Unternehmens – Widerspruch mit dem Kohle-Geschäft

In Zeiten, in denen die globalen Treibhausgasemissionen insgesamt möglichst schnell und zeitnah gesenkt werden müssen, wirkt die Ausweitung des Betriebs einer Kohlemine wie aus der Zeit gefallen. Deswegen wirft die Selbsteinschätzung des Konzerns doch einige Fragen auf, wonach die Akquisition der Mine nicht im Widerspruch zum eigenen Dekarbonisierungspfad steht.

Glencore gibt an, die eigenen Treibhausgasemissionen bis 2026 um 15% reduzieren zu wollen und im Jahr 2050 sogar nur noch 50% der heutigen Emissionen zu verursachen. Wenn nach eigenen Angabe die Akquisition der Cerrejón-Mine nicht im Widerspruch zu diesem Ziel steht, kommt zwangsläufig die Frage auf, ob die selbst gesetzten Klimaziele nicht „zu niedrig“ gesetzt worden sind. Man stelle sich vor, wie stark die Emissionen hätten gesenkt werden können, wenn der Zukauf nicht erfolgt wäre.

Die wirtschaftliche Analyse der Cerrojón-Mine legen den Verdacht nahe, dass möglicherweise doch weniger die ehrenhaften Motive als vielmehr wirtschaftliche Aspekte für die Übernahme der verbliebenen Anteile durch Glencore die Ursache gewesen sind. Die Entwicklung des globalen Kohlepreises, der in diesem Jahr fast täglich neue Höchststände markiert hat, untermauern diese Vermutung:

Glencore Preisentwicklung

Diese Preisentwicklung in Kombination mit dem „attraktiven“ Kaufpreis von lediglich ca. 588 Mio. USD (zum Vergleich operatives Ergebnis EBITDA Glencore 2021: 21,2 Mrd. USD) bot für das Management vermutlich eine attraktive Chance, um zukünftig die Gewinne weiter steigern zu können.

Nur leider geht der Betrieb der Mine mit den beschriebenen ökologischen und sozialen Problemen einher, die auch nach unserer Einschätzung im klaren Widerspruch zu den Prinzipien des UN Global Compact stehen. Aufgrund der Fakten und der Eindrücke aus unserem Engagement Call sind wir zu dem Entschluss gekommen, das Unternehmen, analog zu der Einstufung durch MSCI, vom globalen Anlageuniversum auszuschließen. Dies erfolgt auch vor dem Hintergrund der zahlreichen weiteren unternehmerischen Kontroversen mit denen der Konzern in Verbindung gebracht wird. Unser Fazit: Bei Glencore agiert eher der „knallharte Businessman“ und nicht der „edle Ritter in der Not“.

 

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